Dirigenten

 Tagebuch (17.5.2004 - 21.5.2004)

 

© Hartmut Haenchen

 

Montag, 17.5.

Gestern eine sehr gute „Walküre“-Vorstellung. Vor allem der 1.Akt wie aus einem Guß. Im zweiten Akt Reinhild Runkel in bekannter Intensität zurück. Das ergibt doch einige Veränderungen im Gesamtaufbau. Am Klavier natürlich probiert, doch ohne Orchesterprobe.

Heute früh auf. Das fällt schwer. Trotzdem noch etwas Yoga und Training auf der Rudermaschine. Nach Schiphol: check in überfüllt. Suche meine Vielflieger karte heraus und stecke das Portmonee wieder in meinen Rolli zu meinen Füßen. Checke ein und will die Karte zurückstecken. Das Portmonee ist weg. Ich glaube, dass ich in meiner Müdigkeit etwas gemacht habe, was ich nicht kontrolliert habe. Frage alle Umstehenden, niemand hat etwas gesehen. Die Abflugzeit rückt heran, lange Schlangen bei der Sicherheitskontrolle machen mir neben dem verschwundenen Portmonee – welches nicht nur Geld enthielt, sondern auch alle anderen Papiere und Karten – Sorgen und Hektik. Melde den Verlust. Nach kurzer Zeit ein Durchruf, der meinen Namen beinhalten konnte, oder eben auch nicht. Frage bei der Information.
Werde von einem Schalter zu anderen geschickt. Schließlich den richtigen gefunden. Bekomme das offensichtlich unbemerkt gestohlene Portmonee zurück.

Die Diebe haben einen Cent freundlicherweise drinnen gelassen und alle Karten die inzwischen gesperrt wurden. Damit komme ich nicht vom Frankfurter Flughafen zur Probe..... Telefonate.......

Dienstag, 18.5.

Gestern hat nach dem großen Schreck und der Hektik alles Weitere noch geklappt: Ich wurde vom Hessischen Rundfunk abgeholt und konnte meine 4 1/2 Stunden-Probe mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt mit Mahlers 3. Sinfonie noch absolvieren. Mir wird wieder einmal deutlich, dass ich zu Gunsten „meines“ Orchesters die Zusammenarbeit mit führenden anderen Orchestern in den letzten 16 Jahren auf ein Minimum reduziert habe. Dazu gehört auch dieses hervorragende Orchester, wo ich vor 17 Jahren zum letzten Mal dirigiert habe.

Nach einer kurzen Nacht durch eine Baustelle am Hotel, habe ich noch etwas Zeit um einige Briefe für die Musikfestspiele zu schreiben. Das Taxi bleibt auf dem Weg zur Probe um 9.30 im Stau stecken und mit einiger Hektik stehe ich auf die Sekunde genau am Pult.

Nach der Probe geht es gleich zum Flughafen, um rechtzeitig für die Eröffnungspressekonferenz der Dresdner Musikfestspiele im World Trade Center zu sein. Die Presse erwartet mit Spannung die letzten Verkaufszahlen, da durch die politische Diskussion zur Aufhebung der DMF ab 2007 der Verkauf dramatisch ins Stocken geraten war, nachdem wir anfangs neue Rekordzahlen schreiben konnten.
Inhaltliche Fragen interessieren wohl die Presse weniger, ebenso wenig die guten Nachrichten.
Kurt Masur – Carte blanche-Künstler der diesjährigen Festspiele – ist auch anwesend. Er spricht deutliche Worte zu den Sparplänen. Ich darf bekannt geben, dass er während der Festspiele mit dem erstmals vergebenen Saeculum-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird.

Komme spät nach Hause: In 1 1/2 Tagen haben sich 126 e-mails angesammelt. Also eine lange Nacht.

Mittwoch, 19.5.

Früh noch immer an den e-mails. Einige Absagen und Sponsorprobleme.
11.00 Jour fixe: das wöchentliche Treffen mit den Mitarbeitern der Musikfestspiele, an dem ich wegen der Walküre-Produktion schon lange nicht mehr teilnehmen konnte. Alle großen und kleinen Probleme kommen zur Sprache.

15.00 nochmals 1 Stunde „Partitur-Arbeit“

16.00 Überprüfung des komplizierten Aufbaues für Mahlers 3. in der Kreuzkirche.

Für das „Mitsingkonzert“ sind diesmal 550 Kinder- und Frauenstimmen zu erwarten, der Aufbau über zwei Emporen ist kompliziert, lässt aber für mich erstmalig die Partituranweisung von Mahler zu: Knaben und Glocken in der Höhe. Die fast 40 Meter werden aber wohl ein Koordinationsproblem sein. Posthorn hinter dem Altarfenster, Trommeln in der Sakristei. Einige bestellte technische Notwendigkeiten sind nicht vorbereitet.

16.30 Ankunft des Orchesters vom IBIS-Hotel, wo auch das NedPhO ein Jahr früher wohnte. Die üblichen Probleme bei der Platzierung.

17.00 Probe. Die Kirche hat nach der Renovierung, die inzwischen stattgefunden hat, akustisch gewonnen. Sehr gute, intensive Probe. Die Verständigung mit Birgit Remmert, der Altsolistin ist so problemlos, wie ich es bei diesem schwierigen Satz noch nie erlebt habe. Ich fahre ohne Pause fort zum Einsatz der Kinder und bin sehr nervös, was nun geschehen wird: Werden sie den richtigen Ton finden, wie viel zu spät wird es durch den Abstand sein, was wird man hören. Das Wunder geschieht: ich kann mit allen 550 Sängern durch den ganzen Satz kommen, ohne abzubrechen.

Danach beginnt die Detailarbeit und dann setze ich mit voller Aufführungsintensität eine Art Generalprobe für den letzten Satz hinzu, den man eigentlich nicht probieren sondern nur so tief und intensiv wie möglich dirigieren kann. Das Orchester antwortet mit größter Flexibilität und Klangschönheit. Hier erweißt sich endgültig, dass dieses Stück die richtige Wahl war. Bin danach innerlich vollständig erschöpft.
Die Darstellung der Gottesliebe durch Menschen ist eine übermenschliche Aufgabe. Werde den Satz morgen in der Generalprobe weglassen.

Donnerstag, 20.5.

Das übliche Training mit Yoga und Konditionstraining.

Dann zunächst Arbeit am Computer, dringende Entscheidungen für 2007 müssen für die Festspiele getroffen werden, einige Gastspielfragen beantwortet, kurzfristige Anfragen (Paris) abgelehnt werden.

Zusammenstellung des „Kritikzettels“ für die morgige „Walküre“, dann Arbeit an der Partitur für heute. Schnell im Büro vorbei (ein Sponsor macht Probleme) zu Generalprobe. Absprache mit dem Tonmeister, der die schwierige Aufgabe hat, bei dieser Aufstellung eine Aufnahme zu machen. 14.00 Generalprobe. Es tauchen Koordinations- und Balanceprobleme auf, die gestern nicht existent schienen.

Mein Plan, die Probe kurz zu halten, da das Stück zweimal hintereinander für jeden Beteiligten sehr schwer ist, gelingt nicht. Lediglich den letzten Satz lasse ich weg, was wiederum ein Problem für den Tonmeister ist, der eigentlich eine „Reserve-Aufnahme“ machen wollte. 17.00 habe ich mir für 1 1/2 Stunden ein Hotelzimmer genommen um mich wenigstens hinlegen zu können und bekomme meine „Pasta“ (das übliche Essen für lange und schwere Konzerte und Vorstellungen) aufs Zimmer.

20.00 Beginn des Eröffnungskonzertes: Der Bürgermeister, der die Schließung der Festspiele ab 2007 vorgeschlagen hat, eröffnet die Festspiele und bekennt sich zu seinem Vorschlag vor einer vollen Kreuzkirche (3.500 Sitzplätze) und erhält selbst in der Kirche Buh-Rufe als Antwort. Die Situation ist sehr gespannt. Ich muss ans Pult mit kalten Händen und die Situation vergessen machen. In der Mitte des ersten Satzes gelingt es dann. Der Mahlersche Kosmos entwickelt sich zu den leisen Tönen des 6. Satzes. Das Orchester folgt wunderbar in den kleinsten Temponuancen.

Nach langem Schweigen des Publikums (der schönste Beifall) bricht ein großer Jubel los.

Schnell aus dem nassen Frack und zum Eröffnungsempfang ins Rathaus, der durch eine weitere Rede des Oberbürgermeisters zur politischen Veranstaltung wird. Nach dem französischen Botschafter soll ich sprechen, gebe aber das Wort weiter an Kurt Masur, der sich schnell mit mir verständigt hat, dass er antworten möchte. Der Abend endet – nachdem der Oberbürgermeister nochmals auf Masurs Rede reagierte in einem politischen Aufruhr der Anwesenden.

Freitag, 21.5.

6.00 aufstehen, 7.00 Fahrt zum Flughafen. Dort erfahre ich, dass der Rückflug morgen gestrichen ist. Im Zusammenhang mit den beiden Proben und dem Konzert (welches open air wegen der Kälte schon nach innen umdisponiert ist) ist das eine Katastrophe. Das Orchester wird also erst einmal alleine probieren müssen.

Der Flug nach Frankfurt ist verspätet, wir hetzen von einem Terminal nach dem anderen um den Anschluss zu bekommen (natürlich ist wieder das Laufband kaputt).

Erreichen den Gate zur Abflugzeit. Glücklicherweise haben noch mehr Gäste Verspätung und so wartet das Flugzeug nach Amsterdam. Nach fast 6 Stunden kommen wir zu Hause in Amsterdam an. Schnell noch die wichtigsten Dinge mit meiner Sekretärin besprochen und dann eine Stunde ausruhen. Noch eben wieder die Partitur zur Hand nehmen um im Kopf Mahler gegen Wagner auszutauschen.

16.45 werden wir abgeholt. 17.00 Gang durch die Sängergarderoben, Begrüßung und Kritik. Bühne und Pult kontrollieren. Umziehen. Es wird dunkel und ich taste mich an meinen Platz. Langsam kommt das Licht auf die Bühne und ich darf noch ein letztes Mal in dieser Serie das Gewitter erklingen lassen. Die Geschichte der unerlaubten Geschwisterliebe nimmt seinen Lauf. Eine spannende Vorstellung.

In der ersten Pause schnell unter die Dusche, ein paar Übungen für den Rücken und den zweiten Frack anziehen, noch eben etwas essen und weiter geht es mit der Auseinandersetzung von Wotan und Fricka. Der zweite Akt fordert nicht die größte Kraft (das ist der dritte Akt), aber die größte Spannung. Die Todesverkündigung gelingt diesmal wirklich „Misterioso“. In der Pause wieder unter die Dusche, viel trinken (der Wasser-Gewichtsverlust liegt am Walküre Abend bei etwa 3 1/2 Kilo).

Den dritten Frack, das dritte Hemd, die dritten Schuhe anziehen. Die Walküren jubeln und Wotan muss seine Tochter verstoßen. Der Höhepunkt nach Wotans Abschied kommt heute wie von selbst. Herrlich. Wie bin ich glücklich über „mein“ Orchester. Jubel. Wieder unter die Dusche und den Garderobenschrank leer räumen. Alle Kleidersäcke und Partituren (15 kg) ins Auto. Keine Zeit für eine Feier.

Schnell ins Bett, denn morgen geht es um 5.00 Uhr weiter, abends Konzert und am Sonntag Mittag ein neues Programm zu dirigieren und abends die Wiederholung.

Noch im Auto nach Hause versuche ich mich auf Barock und Klassik einzustellen.


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