Column

Das Leid mit dem Lied

 

© Michael Gees, September 2012

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Das Lied leidet. Das ist eigentlich nicht schlimm. Oder jedenfalls schadet es ihm nichts, im Gegenteil. Von Anbeginn war das Lied ein Zufluchtsort für's Leid.

Schlimm ist, dass sich kaum noch jemand für's Lied interessiert.

Warum das wohl so ist, tja. Vielleicht, weil sich kaum noch jemand für's Leid interessiert. Nur, warum sind dann gefühlte neunundneunzig Prozent der so genannten Popmusik gesungene, oft liedhafte Musik, warum singt z.B. Gordon Matthew Thomas Sumner (Sting) auf immer mal wieder höchstem poetischem und kompositorischem Niveau ebenso hemmungslos wie kostendeckend nicht nur aber doch auch vom Leid? Was machen wir falsch? Schuberts Lieder sind ja nicht schlechter...

Warum steht die Tradition des Kunstliedvortrags so gefährlich zur Disposition?

Einerlei. Die Einsicht in die Ursachen wird ihre Auswirkungen kaum beheben.

Tun wir also etwas für das Lied, für seinen Wiedergewinn und für seine Neuerfindung als überlieferungskulturelles, tönendes Erzählen von dem, was mit Worten allein nicht zu sagen wäre.

Denken wir vom Lied einmal nicht als von etwas Vergangenem sondern als von etwas Künftigem, nicht von einem Kaum noch, sondern von einem Noch nicht.

Das ist schwer vorstellbar, aber möglich. Unter Voraussetzungen.

Zunächst die der künstlerischen Wahrhaftigkeit.

Sängerinnen und Sänger sollen uns nicht glauben machen wollen, sie erlebten und fühlten Gretchens düsteres Entzücken oder das schmerzliche Unvermögen des Müllerburschen, seiner Süßen zu imponieren, und dabei insgeheim denken, hier muss ich dunkler färben, hier empfiehlt sich eine Gesichtsgebärde.

Wir merken es ja. Auch wenn sich das Verständnis blenden lässt, die Seele weiß zwischen Gaukelei und Wirklichkeit ganz gut zu unterscheiden.

Gemachte Gefühle interessieren auf die Dauer nicht.

Klavierbegleiter sollen gleichberechtigt zu sehen und zu hören sein, weil sie den gleichen Job machen: tönendes Wort geleiten auf seinem Weg zum denkenden Herzen. Sie werden übrigens für ihre Verantwortung oder für ihre Verantwortungslosigkeit Komponisten gegenüber weniger geradezustehen haben als dafür, in stramm materialistischer Zeit von der Existenz einer geistigen Welt mitgesungen und gesagt zu haben. Ihre aufblickende Devotion soll also dem Geist gelten, der zum Werk inspiriert hat, nicht Komponisten, die auch bloß Medien sind. Darum sollen sie sich in Gottes Namen zur Werktreue selbstverpflichten, mehr noch aber und vor allem zur Wirktreue.

Sie sollen nicht ferngesteuerte Sklaven des geschriebenen (Noten-) Textes sein, sondern sich selbstbewusst und erhobenen Hauptes in den Dienst der Phantasie stellen, nicht in den des Buchstabens. Sie sollen nicht Noten exekutieren, sondern das Lied wecken, das in allen Dingen schläft, auch in Klavierparts.

Makellosigkeit als Massenware der Neuzeit kann bluffen, nicht begeistern. Hörerinnen und Hörer haben für die Glätte der Oberfläche nur noch wenig Bewunderung. Sie halten ein (wenn auch gekonntes) "so tun als ob" kaum noch für Kunst. Sie sind des vergleichenden Urteils überdrüssig und der ironischen Distanz, zu der es führt. Sie stehen nicht mehr gern über den Dingen. Sie wollen künftig ehrlich bedauern, aus dem Konzert zu kommen und keinen Anlass gefunden zu haben, ihr Leben zu ändern. Oder?

Bühnenkünstler sollen das, wovon sie singen und sagen, mit dem Herzen gedacht und mit dem Verständnis gefühlt, durchgemacht und überwunden haben, damit sie uns das Schwere mit Leichtigkeit und heiter darreichen können. Und uns das Weinen bleibt darüber, dass wir nicht so sind wie sie.

Obwohl. So anders sind wir nun wieder auch nicht.

Wir sind ja alle auf der Suche nach einem neuen Wozu.

Und wenn etwas zum Weinen ist, dann unsere Untätigkeit, nicht unsere Unfähigkeit.

Schon als Kinder konnten wir mehr, als wir durften. Warum sollen wir in einer Welt leben, die schon fertig ist?, hätten oder haben wir gefragt. Wir waren angetreten, sie zu gestalten. Wir nennen das Begabung und pflegen mit Behagen von anderen zu sagen, dass sie begabt sind. Als könnten wir uns damit einer Pflicht entledigen. Dabei sind wir es selbst, alle, begabt und verpflichtet. Keiner von uns ist ohne Mission, niemand ohne Verantwortung. Was hindert uns? Warum finden wir uns ab? Warum ziehen wir nicht die Konsequenzen aus der Erkenntnis der modernen Physik, wonach die Wirklichkeit aus dem menschlichen Bewusstsein (mit-) entsteht?

Warum diskutieren wir seit Jahrzehnten Beuys' Anspruch: „Jeder Mensch ein Künstler!“, warum entsprechen wir ihm nicht einfach? Jeder Musiker ein Komponist!

Suchen wir uns also, die wir um das Leben des Liedes nach dem Tode besorgt sind, schöpferische Freiräume, stiften wir Beziehung, schaffen wir Zusammenhang, komponieren wir, wir können mehr, als wir es uns erlauben.

Erste Schritte sind getan.

Die Zeit etwa, in der Liederabendprogramme tönenden Werkverzeichnissen glichen, scheint überstanden. Liedprogramme werden immer häufiger als Themenabende präsentiert, einzelne Lieder sind textlich, atmosphärisch oder auf sonstige Weise miteinander verknüpft. Es hat sich herumgesprochen, dass ein Lied von Schumann im Kontext blüht, dass es hingegen kümmert, wenn es von Schumann ist, nur weil das eben verklungene von Schumann ist. Wobei ein Lied von Schumann durchaus ein passender Kontext für ein Lied von Schumann sein kann.

Wie auch sonst oft, sind es die unberühmten KollegInnen und die freien Veranstalter, die bei der programmlichen Innovation mit nachahmenswertem Beispiel vorangehen und deren Ideen Kasse machen, nachdem sie von den etablierten Musikbetrieben usurpiert worden sind. Die Frage ist, ob wir uns in unserer beschleunigten Epoche die arrogante Nichtbeachtung von Neuentwicklungen leisten sollten, nur weil sie kommerziell zunächst nicht verwertbar sind. Hätte Franz Schubert sein kurzes Leben im vergangenen Jahrhundert verbracht, wäre sein leises Werk überlärmt und er selbst vergessen worden.

Komponieren wir! Ich sage "wir" und ich weiß, warum. Es ist unser kollektiver musikalischer Volkswille, nach Michael Glinka, der von Komponisten zu Werken gebündelt wird und ohne den sie nicht entstehen. Wir sind das Volk. Auf unseren gemeinschaftlichen musikalischen Willen kommt es an. Ein Volk ohne Lieder steht hier allerdings vor der schmerzlichen Einsicht mangelnder Qualifikation. (Und zugleich vor einer der Ursachen, an deren Wirkung wir nichts mehr ändern können: dass das deutsche Volkslied vergiftet worden ist.)

Umso mehr gilt, dass nicht zu viel gesungen werden kann, Überliefertes wie Frischentstandenes. Zudem gibt es bei weitem weniger zeitgenössische (Lied-) Kompositionen, die vom Publikum wiedergehört werden wollen, als überlieferte. Der Bedarf wäre also da.

Er ist aber dennoch nicht da. Das Publikum meidet Konzerte mit neuer Musik, als sei es auf der Suche, um nicht zu finden. Oder als suche es etwas ganz anderes, davon zuletzt.

Komponisten setzen ihre Musik notgedrungen als Flaschenpost ab, Adressat unbekannt. Wem sollen sie ihre Musik zudenken? (Wer außer mir interessiert sich eigentlich für das, was ich mache? Bange Frage. Wir kennen sie alle.)

Nicht zuletzt deswegen ist das Komponieren zu einer so "verteufelt" (Thomas Mann) schwierigen Sache geworden, der totalen Erlaubnis und der wohl reichsten Wahlmöglichkeiten seit Menschengedenken zum Trotz. Weil alles geht, geht nichts. Auf die Musik einer zukünftigen empathischen Zivilisation kommt man eben nicht durch Nach-Denken, wie auch? Gültiges, integral Gemeinschaftsbildendes kommt nicht aus der Vergangenheit und ist noch kaum ersonnen. Die Findung von Musik folgt anderen Gesetzen als denjenigen, die wir ihr aufzwingen. Die materialistisch-kausalistische Logik der Fortschreibung taugt nicht für die Korrespondenz mit dem Unsichtbaren, wir haben uns falsch konfiguriert. Wir sind noch zu selten auf Empfang.

Aber wie kommen wir als Volk, als globale Entwicklungsgemeinschaft, aus eigener, schöpferischer Initiative auf den Zusammenhang von Wort und Ton?

Wie wollen wir erwerben, um zu besitzen? Wie gelangen wir absichtlich und vollbewusst ins holde Ungefähr des Nichtwissens, wen dürfen wir naiv und reinen Herzens fragen: wie entsteht eigentlich Musik? Denn wir wissen es ja nicht mehr, noch nicht. Damals, ja. Da war es still. Und aus der Stille mochte wohl die Sehnsucht entstehen, Musik aus dem Klang eines Wortes, aus seiner Bedeutung heraus zu erlauschen und zwischen Träumen und Wachen zu erspielen. Wo geht das noch, wann geht es wieder?

Wo finden wir Stille um uns und in uns? Wo finden wir freundliches Gewähren und Verzeihung für das zunächst Unzulängliche, wo finden wir pflegliche Lebensbedingungen für das zarte Pflänzchen der Idee?

In der Partnerschaft natürlich.

Und in der Improvisation als ganz und gar anarchischer Musikübung. Hier hat die Idee zu sagen, wer sonst? Es kann neben ihr keinen Bestimmer geben. Im Dienst an der Idee sind alle Mitwirkenden als Zusammensteller, als Komponisten gleich berechtigt.

In der Improvisation erweist sich Musik als Hörbild der Harmonia Mundi, als das Miteinander der Manifestationen des Geistes in wechselnder Hierarchie, als tönendes Ganzes, als soziale und als versöhnlichste Kunst.

Improvisierte Musik ist reinste Erlaubnis: zu erfinden, was es schon gibt, Form aufzulösen und neu zu erspielen, Regeln nicht zu setzen sondern zu entdecken, dass sie jedem Wort und jeder musikalischen Fortschreitung immanent sind.

Improvisierte Musik kennt nur zwei Spielregeln: das Gebot, zuzuhören und das Verbot, zu bewerten.

Aus den unzähligen möglichen Versuchsanordnungen nenne ich eine: einen Kanon (Es tönen die Lieder, Bruder Jakob, egal) ins unendlich Langsame zu dehnen, jeweils im eigenen Zeitstrom und im Tun zugleich auf die Fülle von Leittönen zu lauschen, die sich erlösen wollen, also schöpferischer Raum sind, in dem Phantasie konkret und tätig werden kann.

Improvisation ist Meditation und Geistesgegenwart im Hier und im Jetzt, zwischen Noch nie und Nie wieder, Kunst ohne Werk und jedenfalls Musik, auf die man allein nicht gekommen wäre. Sie ist in beispielloser Weise inklusiv, sie ist tönende Partizipation: improvisierter Musik gegenüber kann man nicht Publikum sein. Alle Lebewesen in Hörweite werden Mitwirkende, ob (aus)übend, störend oder intentional lauschend.

Improvisation ist ein Schlüssel zum überlieferten Werk, ein Schubert - Lied, das vorbereitend und eingedenk der Regeln der Kunst durch erfinderische Exploration ins Leben gerufen worden ist, kann den Tod der Entzauberung so leicht nicht sterben.

Gleichwohl ist extemporierte Musik als Jungbrunnen der musikalischen Aufführungspraxis und ihrem gemeinschaftsbildenden Potential nach bisher verkannt geblieben, ihr Geist des Soseindürfens fällt dem Leistungslärm und dem Diktat des Besserseinmüssens einstweilen noch zum Opfer.

Uns zur Leugnung unserer eigenen Kreativität erzogenen MusikerInnen und mitwirkenden Amateuren wünsche ich darum den Mut und den Atem für eine Versuchsdauer von zunächst vielleicht 500 Jahren, das Lied einer kommenden Zivilisation jetzt schon vorauseilend und vorbereitend anzustimmen. Und Multiplikatoren, Konzertveranstaltern und Programmgewaltigen lege ich ans Herz, die Avantgarde der Zukunftsmusik aufmerksam zu beobachten und konstruktiv zu begleiten.

Denn "Die Zukunft ist die große Fuge, bei der die verschiedenen Völkerschaften einander ablösen beim Singen". Florestan alias Robert Schumann hat's gewusst, damals schon.

Vieles spricht dafür, dass die Musik der Zukunft vokales Gemeinschafts(kunst)werk werden wird. Denn singen kann jeder, Menschen haben eine Stimme. Der kollektive Wille zum Lied mag überlagert, überlärmt, verschüttet sein, vergangen ist er nicht. Veranstaltungen wie der Day of Song, an dem sich unlängst tausende Profis und Amateure des gesamten Ruhrgebiets beteiligt haben, finden - ganz gegen den Trend - begeisterten Zuspruch.

Und in einer Welt, in der das Singen nicht uncool ist sondern selbstverständlich werden wird, müssen wir uns in Bezug auf Wertschätzung und Fortbestand des Kunstlieds keine Sorgen machen. Dann hat das Leid auch künftig ein Zuhause.


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